Stellungnahme zu Bienne-Centre

Die Regionalgruppe Biel des Verkehrs- Club der Schweiz (VCS) ist froh, dass sie nach all den Jahren, seit die kantonale Begleitkommission für Städtebau und Verkehr besteht, einmal eine offizielle Stellungnahme abgeben kann. Wir hoffen, dass unsere Kritik anzuständiger Stelle ernstgenommen wird, und nicht als „Feigenblattübung“ dient. Aus unserer Sicht geht es beim Anschluss Bienne-Centre um die Frage, ob ein innerstädtischer Autobahnanschluss so gestaltet werden kann, dass sich einerseits die Verkehrsituation für die AutofahrerInnen und den Langsamverkehr in Biel verbessert und andererseits die Lebensqualität der betroffenen Stadtbevölkerung nicht verschlechtert.

Visualisierung der Varianten

Seit einigen Jahren wird von den Mitgliedern der Fach- und Schutzorganisationen in der kantonalen Begleitkommission für Städtebau und Verkehr bemängelt, dass die Planungdieses für Biel epochalen Bauwerks von den Planern des Tiefbauamtes zuwenig visualisiert wird, dh. es wird darauf verzichtet das Bauwerk N5/A5 im städtischen Kontext räumlich darzustellen. Obwohl sich die Information mit Bildmaterial in letzter Zeit ein wenig verbessert hat, werden brauchbare 3D-Darstellungen weiterhin nicht als dringend nötiges Medium eingesetzt. Die kantonale Sektion des VCS und die Regionalgruppe Biel haben darum beschlossen, einen Kredit zu sprechen und in der Folge ein spezialisiertesBüro beauftragt, diese Visualisierung auf den Plangrundlagen der Varianten desSyntheseberichts zu leisten. Die Darstellungen enthalten sicher einzelne Ungenauigkeiten; das Wichtigste jedoch, die Dimension der neuen Strasse und damit das Grössenverhältnis zum Stadtkörper entspricht der Realität (s. Beilage). Die nachfolgende Beurteilung bezieht sich auf die Varianten B und C. Das optimierte generelle Projekt (Variante A) wird wegen unakzeptierbaren Mängeln (zB. zweistreifiger Kreisel mit Veloverkehr, à-Niveau-Übergang BTI etc.) auch von den Fachleuten des kantonalen Tiefbauamtes als kaum realisierbar taxiert und wird vermutlich nur der Form halber weiterverfolgt.

Variante B

1. Die 600 m lange Schneise vom Sportplatz Mühlefeld und dem Bahnhof trennt in unerträglicher Weise das Bieler Mühlefeldquartier von Nidau und verstärkt die räumliche Trennung der Innenstadt zum See und zu Nidau. Die Entwicklungzentraler Gebiete im Siedlungsbereich von Biel und Nidau wird dadurch vom Autobahnbau bestimmt. Ob an der Kante des 14 m tiefen und 45 m breiten Autobahngrabens attraktive Randbebauungen für Dienstleistungsanbieter entstehen werden, wie dies der städtebauliche Berater des Tiefbauamtes in seinem Bericht suggeriert, darf bezweifelt werden. Sicher ist jedenfalls, dass damitein heute attraktives Wohnquartier (Zentrumsnähe, Gehdistanz zum Bahnhof) mit vielen Grünräumen im Umfeld des Autobahnanschlusses vorsätzlich aufgegeben wird. (Quartierentwicklung wohin ?)

2. Wie von einem unsichtbaren Magneten wird der Autoverkehr durch den Anschluss hinter dem Bahnhof angezogen, ohne dass aufgrund der engen Platzverhältnisse Möglichkeit zur Dosierung des motorisierten Verkehrs besteht. Der Verkehr insbesondere beim Verresiuskreisel und der Murtenstrasse wird sich dadurch massiv erhöhen. Der motorisierte Verkehr der Autobahn wird den lokalen Verkehr mit Menge und Geschwindigkeit dominieren und zu langen Wartezeiten führen.

3. Der Verresiuskreisel gehört ebenfalls zu einer Hauptachse des öffentlichenVerkehrs (VB). Durch die voraussehbaren Behinderungen an diesem neuralgischen Punkt wird der ÖV als wichtiger Zubringer zum Bahnhof an Attraktivität verlieren und damit werden auch die Umsteigebeziehungen zum Fern-und S-Bahnverkehr leiden. Ebenso muss an dieser Stelle auf die problematisch werdenden Zu-und Wegfahrten zum Bahnhofparking im Bereich der Unterführung Murtenstrasse – Verresiuskreisel hingewiesen werden.

4. Die Murten- und Salzhausstrasse ist auch die wichtigste Verbindung für den Fussgänger- und Veloverkehr zwischen Biel und Nidau. Das attraktive zentrale Masterplangebiet mit der neu eröffneten Berufschule, das neue Centre Bahnhof,das sich im Bau befindende Altersheim etc. sind weniger auf einen Autobahnanschluss neben der Haustür, als auf sichere, unverstopfte Wege für den Langsamverkehr angewiesen. Mit dem Anschluss Bienne-Centre werden insbesondere bei der Variante B die Bedingungen für den Fuss- und Veloverkehr deutlich verschlechtert.

Variante C

1. Das Stadtplanungsamt Biel hat sich angestrengt, die kolossale Neuauflage der Autobahnplanungen der 60er/70er Jahre des letzten Jahrhunderts, welche dieVariante B verkörpert, zu verbessern. Das Erschliessungsprinzip (Niveau -1)erfolgt nicht mehr mit zwei über der eigentlichen Autobahn (Niveau 2) liegenden Doppelkreiseln wie bei B, sondern nur noch über einen Kreisel am Westende des Sportplatzes und über ein Grabenbauwerk im Bereich der heutigen Bernstrasse. Dadurch kann der Mühlefeldsportplatz (nach dem Bau) wieder benutzt werden. Rein optisch stellt dies schon eine markante Verbesserung gegenüber B dar. Die quartiertrennende Wirkung Biel-Nidau verlagert sich auf einen wesentlich kürzeren Abschnitt, wird dafür aber im Bereich des heutigen ASM-Trassees wesentlich verstärkt.

2. Wie in Variante B herrschen vor und nach der Unterführung Murtenstrasse Salzhausstrasse sehr enge Platzverhältnisse, welche eine Dosierung des Verkehrsan dieser städtebaulichen und verkehrlichen Schlüsselstelle wahrscheinlich verunmöglichen werden.

3. Die bei der Variante B gemachten Vorbehalte in Bezug auf die Behinderungen auf der VB-Hauptachse und die Zu-und Wegfahrten zum Bahnhofparking bleiben auch bei der Variante C bestehen !

4. Durch das Abtauchen der Autobahn (möglichst noch vor) der Salzhausstrasse bleiben die städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten des Gebietes hinter dem Bahnhof besser gewahrt als in Variante B.

Zusammenfassung Verkehr

Die von der Stadt Biel favorisierte Variante erscheint verträglicher, das aber auch nur, weil die von Kanton und Bund angebotene Variante B ein städtebauliches Katastrophen-Szenario darstellt. Doch auch Variante C verschlechtert generell die Bedingungen für die wichtigste Fuss- und Veloverbindung zwischen Biel und Nidau gegenüber dem heutigen Zustand. Der prognoszierte motorisierte Individualverkehr dürfte v.a. den Kreisel Verresiusplatz sowie die Murtenstrasse und auch andere Zubringer massiv überbelasten. Das wiederum führt zu massiven Beeinträchtigungen des öffentlichen Verkehrs auf dieser wichtigen VB-Hauptachse. Der Traum von einer Entlastung des bestehenden Stadtnetzes ist damit zumindest für das Bieler Zentrum ausgeträumt. Auch stellt sich damit die Fragenach der Verkehrssicherheit, insbesondere für den Fuss-und Veloverkehr. Mit einerAbnahme dieser umweltgerechten Verkehrsarten ist als Folge davon leider zu rechnen. Bienne-Centre widerspricht damit den übergeordneten Vorgaben einer nachhaltigenEntwicklung, die sich der Kanton Bern und die Agglomeration Biel als Ziel gegeben haben.

Umwelt

Jede der Varianten ist bezüglich Verlärmung und Flächenverbrauch deutlich schlechter als der heutige Zustand. Leider wurde diese wichtige Schlussfolgerung aus dem Synthesebericht (Bereich Umwelt) den Kommissionsmitgliedern vorenthalten. Keine derVarianten erfüllt die Oberziele bezüglich Nachhaltigkeit, die der A5 - Planung zugrunde gelegt wurden. Die Umweltbelastung wird verschoben von heute belasteten in unbelastete Quartiere und ins Stadtzentrum. Es ist bekannt, dass alle Strassen dieser Dimension Umweltprobleme in den beiden Bereichen Luft und Lärm verursachen. Der VCS fordert, dass die Luftschadstoffe, verursacht durch die beiden Varianten B und C, kartografisch dargestellt werden. Luftschadstoffe wie PM 10 fallen wieder auf den Boden zurück und kontaminieren diesen. Ebenso sind die Stickstoffemissionen realistisch und nicht idealistisch (wie in der bekannten ASTRA-Studie, 2002) zu ermitteln.

Schlussfolgerungen, weiteres Vorgehen

Als das generelle Projekt vom Bundesrat mit dem Halbanschluss Bienne-Centre 1999 bewilligt wurde, wurde davon ausgegangen, dass die Streckenführung im Bereich des Anschlusses weitgehend untertunnelt wird und damit eine Beeinträchtigung der Wohnbevölkerung durch Luftverschmutzung und Lärm gemindert werden würde (zB. auch durch Abluftanlagen). Mehrere Jahre lang wurde dann auf Seite des Kantons, der Stadt und den Gemeinden um eine optimierte Lösung gerungen. Quintessenz war die Variante8.13a, welche aus Sicht der Stadt den Verkehr vom bestehenden städtischen Strassennetz auf die Autobahn lenken sollte. Die VCS Regionalgruppe Biel hat sich bereits damals sehr kritisch zum Konzept dieser „Stadtautobahn“ geäussert. Trotz der grossen Anstrengungen wurde keine Lösung erarbeitet, die vom VCS befürwortet werden kann. Der Anschluss Bienne-Centre ist stadtunverträglich. Der Bund hat während des Planungsverfahrens die Anforderungen an den Autobahnbau seit dem generellen Projektverschärft (Brandschutz, Sicherheitnormen), dadurch werden nach unserer Ansicht übergeordnete Umweltschutzgesetze (va. Lärm und Luft) vernachlässigt und der Bund als Bauherr der Anlage hat das genehmigte generelle Projekt im Teilbereich Bienne-Centre neu zu bewerten und anzupassen (acessorische Prüfung). Der VCS verlangt, dass der Verzicht auf Bienne-Centre als gleichwertige Variante auf den technischen Stand der anderen drei Varianten gebracht und im Zusammenhang des gesamten Westasts (inkl.Einbezug Anschluss Seevorstadt) geprüft wird.

Der VCS ist kein Fundamentalgegner der N5, engagiert sich jedoch für eine stadt-verträgliche N5, die einen Nutzen für alle Verkehrsteilnehmer hat, aber auch das Recht auf Wohn- und Lebensqualität der StadtbewohnerInnen verteidigt. In diesem Sinn sind auch die Visualisierungen zu verstehen – diese sollen helfen, den strassenfixierten Blickzu weiten und die Stadt als ganzen Organismus mit ihren Strassen, Plätzen Grünflächen, Häusern und Menschen zu erkennen und zu verstehen.